1.
Aus den Anfängen der Medizinischen Fakultät
Die
Medizinische Fakultät der Universität Gießen kann trotz
ihrer wechselvollen und erst wenig bearbeiteten Geschichte
heute auf eine 375jährige Tradition zurückblicken. Sie
ist damit so alt wie die Universität Gießen selbst. Zusammen
mit den anderen Fakultäten verlieh sie der Neugründung
von Anfang an den Charakter einer Universität und erhielt
mit den Privilegien auch die rechtliche Grundlage zur
Führung eines Siegels, das sie als eine der wenigen deutschsprachigen
Medizinischen Fakultäten noch heute verwendet. Dieses
Siegel stellt jedoch mit seinen Symbolen und seinem Motto
ein Singulum unter den Emblemen der deutschen Universitäten
dar und nach Ausweis der Literatur ist eine Sinndeutung
des Siegelbildes bis heute noch nicht erfolgt. [Geschichte
und Interpretation des Siegels wurden rechtzeitig zur
375-Jahr-Feier der Universität, kurz nach Drucklegung
der Jubiläumsschrift, aus der dieser Artikel hier stammt,
aufgeklärt durch die Arbeit von Jost Benedum und Markwart
Michler: Das Siegel der Medizinischen Fakultät Giessen;
Universitätsbibliothek Giessen 1982; s. d. WWW-Artikel
im InfoWeb von Fachbereich und Klinikum, Anm. d. Red.]
Schon
kurz nach Erlangung des kaiserlichen Privilegs der Universität
vom 9./10. 5. 1607 erfolgte am 7. 10. 1607 die Grundsteinlegung
zum neuen Universitätsgebäude, das bereits im September
1608 bezogen, aber erst nach vollständiger Fertigstellung
der umfangreichen Innenarbeiten am 11. 2. 1611 eingeweiht
wurde. Gießen führte damit die zahlreichen Universitätsneugründungen
des 17. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum als erste
an, gefolgt von Paderborn (1616), Rinteln (1621), Salzburg
(1622), Altdorf (1623), Osnabrück (1630), Kassel (1632)
und Bamberg (1648). Eine Reihe dieser Universitäten existiert
heute nicht mehr und es ist daher erstaunlich, daß Gießen
diesem Los entronnen ist, zumal die Stadt zur Zeit der
Universitätsgründung nur 3000 Einwohner zählte. Der von
Martin Kersten erbaute massive Renaissance-Universitätsbau
(47 m lang und 13 breit) beherbergte im Parterre neben
dem "Auditorium Theologicum" auch das "Auditorium Medicum".
Dieses Auditorium diente von 1607 bis ungefähr 1707 als
Hörsaal und Sektionsraum zugleich. Er war groß genug,
da er kaum mehr als 10 Studenten aufnehmen mußte. So waren
z. B. 1657 in Gießen 2 Studenten der Medizin und 1759
12 Studenten der Medizin immatrikuliert.
Neben
dem Collegium Ludovicianum verdient aber auch der Hortus
Medicus Erwähnung, der im Jahre 1609 geschaffen wurde
und heute sogar als der älteste in Deutschland noch an
seinem ursprünglichen Ort befindliche Botanische Garten
bezeichnet werden darf. Seine Anlegung wie auch Umpflanzung
im Jahre 1617 wird Ludwig JUNGERMANN (1572 - 1653) verdankt,
der als Professor der Botanik und Medizin in Gießen der
erste Aufseher des Hortus Medicus war. Es ist bedauerlich,
daß sämtliche Gießener Schriften von Jungermann bis heute
verschollen sind. Jungermann war es auch, der sich für
die bauliche Verbesserung des Laboratorium Chymicum einsetzte,
das schon 1612 in Gießen existierte. So wurde das Laboratorium,
das sich der besonderen Gunst des Landgrafen erfreute,
1617 in dem ehemaligen Gärtnerhaus hinter dem Kollegiengebäude
neu untergebracht.
Insgesamt
verfügte die Medizinische Fakultät damit über denkbar
günstige Voraussetzungen: Über einen großzügig angelegten
Hortus Medicus, ein Chemisches Laboratorium und über ein
Auditorium Medicum im Universitätsgebäude. Freilich sollten
die immer wiederkehrenden Epidemien und besonders die
kriegerischen Verwicklungen bis in das 19. Jahrhundert
hinein sich auf die Universität, die Zahl ihrer Medizinstudenten
und Lehrer der Heilkunde nachteilig auswirken. So schrieb
der schon genannte Jungermann, der 1616, 1618, 1621, 1623
und 1624 Dekan der Medizinischen Fakultät war, im Jahre
1621 in das Dekanatsbuch: "Inter arma silere leges vulgo
dicitur" ("Im Krieg schweigen gemeinhin die Gesetze").
Sein letzter Eintrag als Rektor des Jahres 1624 lautet:
"Annus et iste... sterilis fuit maxime propter Academiam
exspirantem. Desino igitur cum illa." (Auch dieses Jahr...
war unfruchtbar, besonders weil die Akademie ihr Leben
aushauchte. Ich stelle daher mit jener meine Arbeit ein.")
Es
ist daher die Frage erlaubt, was aus der jungen Medizinischen
Fakultät, der zu Beginn Männer u. a. wie Johannes MÜNSTER
(1571 - 1606), Joseph LAUTENBACH (1569 - 1614), Gregor
HORSTIUS (1578 - 1636), Michael DÖRING (1582 - 1644) und
Ludwig JUNGERMANN angehörten, hätte werden können, wenn
nicht von Anbeginn die Unheilsgöttinnen Morbona und Bellona
ihre Begleiterinnen gewesen wären. Joseph Lautenbach,
der am 12. 2. 1607 nach Gießen gekommen war und 1608 als
erster Mediziner auch das Rektorat versah, hatte den anatomischen
Unterricht mit einer "Serie über die Anatomie des menschlichen
Körpers" in Gießen eingeführt. Der Breslauer Michael Döring,
der ein Schüler und Freund von Fabricius Hildanus und
zugleich Schwiegersohn von Daniel Sennert war, kehrte
bereits 1612 in seine Heimat zurück, wo er 1627 anläßlich
einer Epidemie die erste exakte Beschreibung des Scharlachs
gab. Ludwig Jungermann, der 1614 Nachfolger von Michael
Döring geworden war, hatte 1616 sogar den Ruf nach London
an die Stelle von M. Lobelius abgelehnt. Erst bei Verlegung
der Universität Gießen nach Marburg im Jahre 1625 kehrte
Jungermann nach Altdorf zurück, wo er weiterhin Botanik
lehrte und im Alter von 81 Jahren starb. Sein Vermögen
und seine große Bibliothek vermachte er der Universität.
Er war Junggeselle geblieben mit der Begründung, "er werde
dann heirathen, wenn man ihm eine Pflanze bringe, welche
er nicht kenne."
Zu
den herausragenden Persönlichkeiten der jungen Universität
und Medizinischen Fakultät gehörte ohne Zweifel Gregor
HORSTIUS aus Torgau (1578 - 1636). Er hatte in Helmstedt
und Wittenberg Philosophie und Medizin studiert und war
nach Reisen durch Österreich und die Schweiz am 28. 3.
1606 in Basel zum Doktor der Medizin promoviert worden.
Im Jahre 1608 folgte er dem Ruf als Professor der Medizin
nach Gießen und wurde dort 1609 auch zum Leibarzt von
Landgraf Ludwig V. ernannt. Vor Verlegung der Universität
verließ er 1622 Gießen und wirkte bis zu seinem Tode als
Stadtphysikus in Ulm. Wie seine Gießener Korrespondenz
lehrt, stand Horstius mit den berühmtesten Ärzten seiner
Zeit in Verbindung und seine Erfolge als Arzt brachten
ihm den Namen eines "Practicus prudens" und eines "Äskulap
der Deutschen" ein. Entsprechend seiner Herkunft aus Wittenberg,
dem Bollwerk des Protestantismus und der Schrittmacherin
des wissenschaftlichen Fortschritts, war er bemüht, die
Prinzipien der hippokratischen und hermetischen Medizin
miteinander zu verbinden. Sein Wittenberger Kollege D.
Sennert (1572 - 1637) versuchte gleichzeitig, die Lehren
der Galenisten und Paracelsisten zu vereinen. Von ihm
sind mehrere Porträts bekannt, darunter das Porträtkupfer
seiner Opera medica, Gouda 1661, das ihn vor einer Wand
mit dem Familienwappen und einem beiseite geschobenen
Vorhang in Schaube und weißem Kragen zeigt. Über der Brust
trägt er einen Gnadenpfennig am Band. Die Linke umfaßt
den Degengriff, die Rechte hält einen Blütenzweig. Vor
ihm auf dem Tisch befinden sich ein Globus, ein menschlicher
Schädel und ein Buch. Dessen Motto lautet: RATIO ET EXPERIENTIA
(Vernunft und Erfahrung). Ein weiteres Bild zeigt ihn
1620 im Alter von 42 Jahren. Die Bildaufschrift lautet:
"Das Bildnis des hochberühmten und hervorragenden Mannes
Gregor Horstius, Doktor und Professor der Medizin an der
Akademie Gießen sowie Primarius und weithin geschätzter
hessischer Leibarzt."
Es
ist hier nicht möglich, alle seine Schriften zu besprechen,
die in drei großen Bänden vorliegen. Eingegangen sei nur
auf die Titelkupfer von zwei Schriften: Mit der 1612 in
Wittenberg erschienenen Schrift "De natura humana" stellt
Horstius sein Lehrbuch der Anatomie vor, das 29 Tafeln
umfaßt und laut Vorwort sich an die studierende Jugend
richtet. Es darf als Gießener Lehrbuch bezeichnet werden,
da Horstius seit 1608 in Gießen Anatomie unterrichtete.
Das seltene Werk steht noch ganz unter dem Einfluß von
Vesal (1543) wobei es falsch wäre, von einem Plagiat zu
sprechen. Denn nachgeahmt zu werden, bedeutete Lob und
für viele anatomische Fakten gab es klassische Darstellungen,
die noch heute als optimal gelten. Hierzu zählten damals
Vesals Abbildungen, die zu übertreffen nicht möglich war
und die daher unter Verzicht auf eigene Originalität immer
wieder übernommen worden sind. So sind auf dem Titelkupfer
zwei Säulen mit Nischen dargestellt, in denen links der
berühmte Ecorche des J. de Valverde de Hamusco (1556)
und rechts das Skelett aus Vesal (1543) sichtbar sind.
Der
Titelkupfer der Opera medica vom Jahre 1661 zeigt im oberen
Fries Hörsaal, Krankenbett und Laboratorium als die Arbeitsstätten
des akademischen Arztes. Dessen Sinnbild ist der Asklepioshahn
als Zeichen für VIGILANTIA ET PRUDENTIA (Wachsamkeit und
Besonnenheit). Der mittlere Fries weist auf die Tierwelt,
die Anatomie und die Mineralogie hin. Im Vordergrund sitzen
an einem Tisch in arabischer Tracht Hippokrates und Hermes
Trismegistos, die Autoritäten der alten und neuen Medizin.
Ersterer zeigt den Aphorismus VITA BREVIS, ARS LONGA,
letzterer den berühmten Satz aus der Tabula Smaragdina
QUOD EST SUPERIUS, EST SICUT INFERIUS. Die Göttin Ceres
verkörpert die in der griechischen Medizin zentrale Stellung
der Diätetik, der Gott Vulcanus mit den Zeichen für die
verschiedenen Elemente die Stellung der Alchemie in der
hermetischen Tradition. Mit diesem Titelkupfer ist die
Medizin der Zeit und zugleich der geistige Standort von
Gregor Horstius programmatisch aufgezeigt. Die Aufgabe
lag in der Verbindung der Medizin mit der Alchemie als
dem Ideal der Gesundheit.
In
einem Brief an H. Arnisaeus vom 30. 9. 1610 schreibt Horstius:
"Über etliche Jahre habe ich hier verschiedene Sektionen
an menschlichen Leichen durchgeführt." So bestätigt auch
ein Eintrag im Dekanatsbuch von 1615, daß in den Wintermonaten
des gleichen Jahres eine öffentliche und feierliche Sektion
eines weiblichen Leichnams durchgeführt worden ist. Der
Leichnam war am 19. 1. 1615 beantragt worden und der Landgraf
hatte am 21. 1. 1615 eine entsprechende Anordnung erlassen.
Die Sektion fand also kurz nach dem 21. 1. 1615 statt.
Bald danach folgte, wie der Eintrag sagt, die Sektion
einer trächtigen Hirschkuh. Gregor Horstius nahm beide
Sektionen vor und im Jahre 1617 wurde von ihm auch ein
männlicher Körper in einer Anatomia Publica im Auditorium
Medicum des Collegium Ludovicianum zerlegt.
Zu
solchen öffentlichen Sektionen wurde durch Einladungen
in Plakat- oder Briefform aufgefordert. Einige dieser
Sektionseinladungen sind erhalten und geben Auskunft über
den Zweck der Anatomiae Publicae. Da ist davon die Rede,
daß die Anatomie das Fundament des Gebäudes der Medizin
sei. Sie halte nicht nur das Steuerruder, sondern auch
den Schlüssel zum Haus der Medizin in der Hand. Auch bringe
die Anatomie allen Fakultäten Nutzen und zünde allen Wissenschaften
die Fackel an. Denn auch der Philosoph brauche die Kenntnis
des Körperbaues, der ja ein Musterbild göttlicher Vollkommenheit
ist. Wie die Geographie zur Geschichte, so verhalte sich
die Anatomie zur Medizin. Auch fördere die Anatomie die
Jurisprudenz in Form der forensischen Anatomie und bringe
schließlich auch Vorteile für die Theologen, die in der
Natur des menschlichen Körpers die Weisheit und Güte Gottes
studieren könnten. Schließlich sei unstrittig, daß auch
die genaueste Abbildung nicht die Natur wiedergeben könne.
Denn Anmut schmeichle den Augen und hemme den wissenschaftlichen
Fortschritt. Allein die Autopsie könne strittige Fragen
lösen. Zu solchen öffentlichen Sektionen waren alle "Liebhaber
der Selbsterkenntnis" eingeladen. Die Eintrittskarten
waren preisgünstig in der Engelapotheke zu erwerben. Eine
der spektakulärsten öffentlichen Sektionen veranstaltete
M. Heiland am 22. 3. 1664 an einer Mißgeburt aus dem Dorf
Ulff bei Nidda. Es war dies das sogenannte Monstrum Hassiacum,
ein Kind "mit einem Kopf und einem Körperstamm, aber mit
vier Armen und vier Beinen". Im übrigen mußte sich die
Medizinische Fakultät angesichts des Mangels an Sektionsmaterial
um die Erlangung von Leichen "hingerichteter Malefizpersonen"
immer wieder bemühen. Hierunter zählten auch die Opfer
von Hexenexekutionen, die laut den Prozeßakten bei den
Hexenverfolgungen in der Umgebung von Gießen durchgeführt
worden waren. Der eben genannte Michael HEILAND (1624
- 1693), der 16mal das Amt des Dekans und 4mal das des
Rektors innehatte, gehört bereits in die Zeit nach der
Wiedereröffnung der Universität in Gießen. Er wußte offenbar
um die schwierige räumliche Situation der Anatomie und
die schlechten Aussichten zur Behebung dieses Notstandes.
Daher griff er zur Selbsthilfe und hinterließ bei seinem
Tode 1693 der Universität 50 Gulden zur Gründung eines
anatomischen Theaters. Aufgrund dieser hochherzigen Stiftung
entstand ein Amphitheatrum Anatomicum am Brandplatz in
der Nähe der Reitbahn, das 1707/08 fertiggestellt war
und in dem am 15. 11. 1709 die erste öffentliche Sektion
stattfand. Mit diesem anatomischen Theater war Gießen
vielen Universitäten zeitlich voraus, doch sollte der
Bau bis 1849 als Unterrichtsstätte dienen müssen, nachdem
er 1722 fast abgebrannt, 1796 als Kriegslager verwendet
und 1811/12 notdürftig umgebaut worden war.
An
die Seite von Gregor Horstius ist dessen Sohn Johann Daniel
HORSTIUS (1616 - 1685) zu stellen, der 1637 Professor
der Medizin an der nach Marburg verlegten Universität
Gießen und hessischer Leibarzt in Darmstadt wurde. Nach
der Rückkehr der Universität nach Gießen kehrte auch J.
D. Horstius nach Gießen zurück, wirkte dann aber von 1651
- 1661 als Leibarzt von Georg II. in Darmstadt. Schließlich
nahm er bis zu seinem Tode im Jahre 1685 das Stadtphysikat
in Frankfurt wahr. Als weithin bekannter "Hessischer Phoenix",
der 1655 Mitglied der Academia Naturae Curiosorum geworden
war, genoß J. D. Horstius ein hohes Ansehen in der wissenschaftlichen
Welt. Auch er hat zahlreiche Schriften hinterlassen, darunter
die "Manuductio ad medicinam" (1660), die sein Porträt
im Alter von 44 Jahren zeigt. Die Subskriptio, im elegischen
Distichon abgefaßt, lautet in der Übersetzung: "Dies ist
das Antlitz des Horstius-Sohnes. Von seiner Geistesschärfe
und Einfallszierde künden seine Schriften." Aus der Fülle
dieser Schriften seien hier der Kürze halber nur die anatomischen
Arbeiten angeführt. So behandelt die "Anatomia oculi"
(1641) Anatomie, Physiologie und Klinik des Auges, wobei
die angefügten 6 Klappbilder besondere Beachtung verdienen.
Nach dem Urteil des Sieneser Anatomen P. Mascagni (1755
- 1815), der sich auf die Präparation des Lymphgefäßsystems
spezialisiert hatte, gilt J. D. Horstius als der Erstbeschreiber
der Lymphgefäße des menschlichen Herzens. So hat J. D.
Horstius in seiner Schrift "Observationum anatomicarum
decas" (1656) ausführlich die Lymphgefäße behandelt. Hier
sind auch einzelne Briefe von O. Wormius und Th. Bartholinus
veröffentlicht. J. D. Horstius, der auch mit W. Harvey
korrespondierte, soll danach den Gedanken gehabt haben,
daß das Pankreas einen fermentativen Saft an den Magen
abgebe. Wenn auch die Richtung dabei nicht stimmte, so
war doch der Gedanke an eine sezernierende Drüse grundlegend.
Beachtung
verdient auch das Urteil von J. D. Horstius im Streit
um die intravenöse Injektion von Medikamenten. Nachdem
Chr. Wren, der Freund Harveys und Erbauer der St.-Pauls-Kathedrale,
1656 auf die intravenöse Narkose und damit auf die intravenöse
Injektion als experimentelle Methode hingewiesen hatte,
war der Breslauer Arzt J. D. Major 1664 auf den Gedanken
gekommen, dieses Verfahren auch therapeutisch nutzbar
zu machen. Er nannte seine Entdeckung "Chirurgia infusoria",
wobei ihm die Methode geeignet erschien, die Viskosität
des Blutes bei bestimmten Krankheiten durch die therapeutische
Injektion von Medikamenten herabzusetzen. Auf diese Schrift
des J. D. Major antwortete J. D. Horstius mit einem "Judicium
de chirurgia infusoria" am 16. 2. 1665. Horstius distanziert
sich dabei von den Lebensgeistern und Gärungsprozessen
im Blut, die durch die intravenöse Injektion beeinflußt
werden sollten. Als erfahrener Praktiker trat er vielmehr
für die orale Applikation von Arzneimitteln ein, die zunächst
vorzuziehen sei. Mit dieser abwartenden Haltung sollte
Horstius nicht Unrecht behalten, da die intravenöse Injektion
bald zur Mode wurde und ein hemmungsloses Experimentieren
einsetzte. Dazu zählten auch Bluttransfusionen vom Tier
auf den Menschen und vom Menschen auf den Menschen.
Als
ein weiterer Sohn von Gregor Horstius ist schließlich
Georg HORSTIUS (1626 - 1661) zu nennen. Er hatte in Marburg
studiert und war 1650 in Padua zum Doktor der Medizin
promoviert worden. Von 1650 - 1652 stand er in Diensten
des Landgrafen Georg II., wobei er sowohl in Gießen praktizierte
wie auch die landgräfliche Familie auf Reisen begleitete.
Sein größtes Verdienst ist die Bearbeitung des monumentalen
Tierbuches von Conrad Gesner, das nach dem Tode von Georg
Horstius von dem Frankfurter Verleger W. Serlin 1669 herausgegeben
wurde. Dieses monumentale Werk, welches das gesamte zoologische
Wissen der Zeit enzyklopädisch zusammenfaßte, besitzt
gerade heute mehr als nur historischen Wert. Denn es gibt
Auskunft über Vorkommen, Rückgang und Ausbreitung von
Arten und deren Lebensräumen. Dies gilt insbesondere für
das Vogelbuch, dessen Umfang fast ein Drittel des Gesamtwerkes
ausmacht. Daneben stehen das Tier- und Fischbuch.
Schließlich
ist Johann TACKIUS (1617 - 1676) zu nennen, der als Vertreter
der Alchemie und Chemiatrie ab 1650 in Gießen wirkte.
Mit der Schrift "Academia Gissena restaurata" (1652) feierte
Tackius die festlichen Ereignisse anläßlich der Wiedereröffnung
der Universität in Gießen am 5. 5. 1650. Takkius selbst
war am 6. 5. 1650 durch den damaligen Dekan J. D. Horstius
zum Doktor der Medizin ernannt worden. Da er am 30. 5.
1650 über die Quadratur des Kreises disputierte, überrascht
es nicht, daß ihm auch der Lehrstuhl für Physik zufiel,
den er jedoch bald gegen den der Eloquenz eintauschte.
Tackius war ein hervorragender Kenner der hermetischen
Künste und der latrochemie. Von 1662 bis zu seinem Tode
im Jahre 1676 wirkte er als Leibarzt von Ludwig Vl. in
Darmstadt.
Die
sogenannte "Marburger Zeit" dauerte vom 25. 5. 1625 bis
zum 5. 5. 1650. Sie war nur vom Seuchenjahr 1633 unterbrochen,
das für zwölf Monate zur Rückkehr nach Gießen zwang. Michael
Bernhard Valentini stellte am 5. 1. 1701 im Rückblick
auf die Anfänge der Universität und der Medizinischen
Fakultät als deren Dekan in einer Declamatio fest: "Hic
tragicus fuit exitus Academiae Famigeratissimae, quae
a primis incunabulis ad ultimum halitum nil nisi Bellonae
et Morbonae siena fuit. O infelicissima Parnassi Hassiaci
fata! O deplorandam Musarum sortem!"
2.
Die Systematiker und Empiriker der Vormoderne
Jahrhunderte
sind durch unsere Zeitrechnung künstlich geschaffene Perioden
und man kann nicht erwarten, daß sich ein einheitliches
Bild ergibt, wenn man die Medizin in den durch die Jahrhunderte
gesetzten Grenzen betrachtet. Vielmehr empfiehlt es sich,
für die Heilkunde des 18. Jahrhunderts jenen charakteristischen
Linien nachzugehen, die diese Periode kennzeichnen. Die
Überschrift: "Die Systematiker und Empiriker der Vormoderne"
will daher zum Ausdruck bringen, daß deduktive Theorien
und ordnende Systeme neben dem Streben nach einer aus
der Erfahrung erwachsenden Krankheitslehre in diesem Jahrhundert
nebeneinander herlaufen. Diese kennzeichnenden Wesenszüge
lassen sich freilich bis in die Gegenwart verfolgen und
gerade das Denken in Systemen hat bis auf unsere Tage
seine Anziehungskraft nicht verloren, vielleicht weil
der Verstand in Systemen eine gewisse Ruhe findet, was
freilich nicht immer zu seinem Vorteil gereichen muß.
Zu den ordnenden Systemen der Medizin zählen zu Beginn
die Monadenlehre von Leibniz, der nach der Jahrhundertmitte
aufkommende französische Positivismus und schließlich
1799 das System der Naturphilosophie von Schelling. Der
Führungsanspruch der Philosophie wurde weitgehend anerkannt,
ja vielfach schien ein Fortschritt der medizinischen Wissenschaft
ohne philosophische Grundlegung gar nicht möglich zu sein.
Als Beispiele für die zahlreichen medizinischen Systematiker
seien hier nur die beiden Hallenser Vertreter Friedrich
Hoffmann und Georg Ernst Stahl genannt. Es versteht sich,
daß wie an vielen anderen Orten auch in Gießen unter den
Lehrern der Medizin Anhänger der verschiedensten Systeme
begegnen. Sie alle hier behandeln zu wollen, ist aus Raumgründen
unmöglich. Überdies sind viele von ihnen nicht einmal
dem Namen nach bekannt, auch wenn ihre Brustbilder seit
langem die Professorengalerie der Universität schmücken.
Als ein Beispiel seien nur die Vertreter der Medizin aus
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in alphabetischer
Reihenfolge namentlich aufgeführt: Georg Theodor Barthold,
Justus Friedrich Dillenius, Friedrich Wilhelm Hensing,
Johann Casimir Hertius, Johann Christoph Hertius, Ludwig
Heinrich Leo Hilchen, Gerhard Tabor, Michael Bernhard
Valentini und Johann Melchior Verdries.
Der
zuerst genannte G. Th. BARTHOLD (1669 - 1713) hatte in
Leipzig und Halle Philosophie und Medizin studiert, war
1702 dem Ruf nach Gießen gefolgt. Wie schon seine Erstlingsschrift
"Über den Nutzen der Physik in der ärztlichen Praxis"
zeigt, war Barthold ein eifriger Verfechter der latrophysik,
die alle Phänomene des Lebens auf atomistisch-mechanistischer
Grundlage zu erklären suchte. Friedrich Hoffmann war sein
berühmter Lehrer in Halle gewesen und Barthold hat dessen
iatromechanisches Konzept in Gießen vertreten. Leider
verstarb er allzu früh und die Medizinische Fakultät verlor
mit ihm einen tüchtigen Arzt und Wissenschaftler.
Barthold,
der von 1702 - 1713 Anatomie und Botanik in Gießen lehrte,
war bereits zu Beginn seiner Tätigkeit als "berühmter
und ausgezeichneter Mann" bezeichnet worden. Denn er "verhieß
der Medizinischen Fakultät große Zierde". Vielleicht war
es der Ruf von Barthold, der auch Lorenz Heister, den
späteren hervorragenden Enzyklopädisten und Schrittmacher
der wissenschaftlichen Chirurgie, bewogen hat, sich am
19. 9. 1702 in Gießen als Student der Medizin einzuschreiben.
Auch wenn Heister 1703 seinem eigentlichen Lehrer G. Chr.
Möller nach Wetzlar folgte, wo dieser zum kaiserlichen
Kammermedikus berufen worden war, so hatte doch Heister
im Winter 1702/03 bei Barthold die erste Sektion einer
männlichen Leiche erleben dürfen. Heister hat diese Begebenheit,
die sich bei ihm so einprägte, daß er sich ihrer 50 Jahre
danach noch erinnerte, genau festgehalten. Sie betraf
die Sektion eines "Kerls", bei dem "ein großes männliches
Glied, aber sehr kleine Testiculi gefunden" wurden.
Wie
das Beispiel zeigt, hat sich Barthold in der Zeit von
1702 - 1713 durch mindestens fünf öffentliche Sektionen
um den anatomischen Unterricht in Gießen verdient gemacht.
Einige dieser Zeugnisse sind erhalten und beweisen Bartholds
Einsatz für die Anatomia Publica. Als Botaniker hat Barthold
auch botanische Lehrexkursionen veranstaltet und sich
besonders um den Hortus Medicus verdient gemacht. Einer
seiner Schüler, Bernhard Rupp aus Gießen, war Verfasser
einer berühmten "Flora lenensis" die posthum 1718 herausgegeben
und in dritter Auflage sogar von Albrecht von Haller 1745
selber besorgt wurde. Linné nannte diesen Barthold-Schüler
Rupp als unübertroffen in der Bestimmung und Kenntnis
von Pflanzen. Das Lebenswerk von Barthold liegt in den
"Opera medica tripartita" (1717) vor, das auf 1035 Seiten
die Anatomie und Physiologie, die Materia Medica und die
Rezepturlehre, die klinische Praxis mit kurativer und
präventiver Ausrichtung und schließlich die Operationslehre
abhandelt. Barthold war der Ansicht, daß zur bloßen Empirie,
die zur gründlichen Anamnese und genauen Beobachtung der
Krankheitsphänomene erforderlich ist, auch die wissenschaftliche
Fundierung der Heilkunde hinzutreten muß. Diese erblickte
er in der Verbindung von Medizin mit Physik und Philosophie.
Weil sich diese seine Forderung nur selten erfüllte, schrieb
er unter Rückgriff auf Hippokrates: "Dem Ruf und Namen
nach gibt es viele Mediziner, der Tätigkeit und dem Werk
nach nur wenige."
Bei
Barthold in Gießen hatte von 1704 - 1710 auch Johann Jakob
DILLENIUS (1684 - 1747) Medizin und Botanik studiert.
Sein Vater Justus Friedrich Dillenius (1644 - 1720) hatte
ab 1688 in Gießen als Nachfolger von L. Strauss eine Professur
für Medizin inne. Der Sohn, der schon 1713 zu den Mitgliedern
der Kaiserlichen Leopoldinischen Akademie der Naturforscher
zählte, ging 1721 nach England, wo er in Oxford 1734 die
Lehrkanzel für Botanik und die Leitung über den Botanischen
Garten erhielt. Im Jahre 1732 veröffentlichte er den "Hortus
Elthamensis", eine Beschreibung und Zeichnung von 417
seltenen Pflanzen dieses Gartens. Linné, der Dillenius
in Oxford besucht hatte, urteilte über das Werk: "Est
opus botanicum quo absolutius mundus non vidit." Die 1741
erschienene "Historia muscorum" war ein Standardwerk der
Kryptogamenkunde und fundierte die Wissenschaft von den
Moosen. Wenig bekannt ist die Lokalflora der Gießener
Pflanzenvorkommen von Dillenius, in der insgesamt 980
Blütenpflanzen, 200 Moose und 160 Pilzarten aus der Umgebung
der Stadt Gießen verzeichnet werden. Dillenius hat mit
dieser Lokalflora die Tradition fortgeführt, die L. Jungermann
1623 in Gießen begonnen hatte.
Zwei
weitere Gießener Vertreter der Medizin hatten in Halle
bei Fr. Hoffmann und G. E. Stahl studiert: Johann Melchior
VERDRIES (1679 - 1736), der in Gießen als Professor der
Medizin und der Naturphilosophie von 1720 - 1736 wirkte,
sowie Johann Casimir HERTIUS (1679 - 1748), der 34 Jahre
lang (1714 - 1748) Anatomie, Botanik und Chirurgie vertrat.
Hertius, der in Gießen mehrfach öffentliche Sektionen
durchführte, war dreimal Rektor und neunmal Dekan der
medizinischen Fakultät. Wenn J. C. Hertius auch keine
wissenschaftlich bedeutsamen Schriften hinterlassen hat,
so war er doch ein hervorragender Lehrer der Medizin.
Denn allein vier seiner Schüler haben später Lehrstühle
eingenommen: Fr. W. HENSING (1719 - 1745), L. H. L. HILCHEN
(1702 - 1753), G. TABOR (1694 - 1742) und Ph. C. FABRICIUS
(1714 - 1774). Letzterer hatte durch Vermittlung von L.
Heister 1748 die Professur für Anatomie, Physiologie und
Pharmazie in Helmstedt erhalten. Hier wirkte der geborene
Butzbacher bis zu seinem Tode 1774. Kaum bekannt ist die
von ihm verfaßte Flora von Butzbach (1743).
Waren
die bislang genannten Vertreter der Medizin Barthold,
Verdries und Hertius Verfechter iatrophysikalischer und
iatromechanischer Vorstellungen, so gehören die Mediziner
G. Tabor, J. C. Voigt, Fr. W. Hensing und L. H. L. Hilchen
zum Kreis der Empiriker. Tabor, der 1733 als Stadtphysikus
und Militärarzt nach Gießen gekommen war, hatte von 1734
- 1742 hier den Lehrstuhl für Chirurgie, Materia Medica
und Medicina Forensis inne. Mit einer Schrift über die
chirurgische Behandlung des Mammacarzinoms hatte er sich
einen Namen gemacht. Ebenfalls als Garnisonsarzt hatte
der gebürtige Gießener J. C. Voigt ab 1749 in seiner Heimatstadt
begonnen, um von 1754 - 1763 den Lehrstuhl für Anatomie,
Chirurgie und Botanik wahrzunehmen. Voigt, der bei J.
J. Fried in Straßburg theoretische und praktische Geburtshilfe
gelernt hatte, ist vor allem als Geburtshelfer hervorgetreten.
Fr. W. Hensing, der 1719 in Gießen als Sohn des Professors
für Medizin und Philosophia naturalis chymica J. Th. Hensing
geboren war, hatte ebenfalls in Straßburg studiert und
dort den erstmals 1708 eingeführten Präparierkurs kennengelernt.
Im Jahre 1742 kehrte er nach Gießen zurück und wurde im
gleichen Jahr zum ersten Prosektor der Universität bestellt.
Bereits 1743 war er Lehrstuhlinhaber für Anatomie und
Botanik. Leider verstarb er schon 1745 im Alter von 26
Jahren. Hensing hat nicht nur wertvolle anatomische Schriften
hinterlassen, er hat vor allen Dingen in Gießen den anatomischen
Unterricht durch Schaffung eines Präparierkurses frühzeitig
in die neue Entwicklung einbezogen. Die von ihm hergestellte
InjektionsPräparatesammlung, die 27 Nummern umfaßte und
nach seinem Tode von der Universität erworben wurde, ist
heute verloren. Schließlich nahm L. H. L. Hilchen, der
dreimal Rektor und zehnmal Dekan der Medizinischen Fakultät
war, von 1730 - 1753 das Amt eines Lehrers der Medizin
in Gießen wahr. Die von ihm inaugurierten Dissertationen
spiegeln sein breites Arbeitsfeld wieder. So schrieb er
über Quecksilberintoxikationen und gerichtsmedizinische
Sektionen. Insbesondere lag ihm die gerichtsmedizinische
Ausbildung des Arztes am Herzen. Ebenso begegnen aber
auch traumatologische Schriften, in denen z. B. die Trepanation
nach Impressionsfrakturen abgehandelt wird. Hilchen hat
schließlich auch mehrfach medizinhistorische Vorlesungen
gehalten.
Hilchen
war 1730 Nachfolger von Michael Bernhard VALENTINI (1657
- 1729) geworden, der mit Recht zu den großen Naturforschern
und Ärzten des frühen 18. Jahrhunderts gerechnet werden
darf. Valentini, dessen Familie seit 1530 in Großenlinden
ansässig war, hatte in Gießen Medizin studiert und war
bereits 1683 Mitglied der Akademie der Naturforscher geworden.
Reisen nach Holland, England und Frankreich brachten ihm
Kontakte zu Robert Boyle und Thomas Sydenham. Zahlreiche
Akademien des In- und Auslandes wählten ihn zu ihrem Mitglied.
Landgrafen, Fürsten und der Kaiser machten ihn zu ihrem
Leibmedikus. Valentini war zwölfmal Dekan der Medizinischen
Fakultät.
Überaus
groß ist das von ihm hinterlassene Schrifttum, aus dem
hier nur einige Schwerpunkte hervorgehoben werden: Valentini
war ein vorzüglicher Kenner und Bearbeiter gerichtlichmedizinischer
Fragen. Seine großen Werke wie die "Pandectae medico-legales"
(1701), die "Novellae medico-legales" (1711) und das 570
Seiten umfassende "Corpus juris medico-legale" (1722)
weisen den Verfasser als einen der bedeutenden Schrittmacher
der gerichtlichen Medizin aus. Berühmt ist seine "Praxis
medicinae infallibilis" (1711), in der zahlreiche klinische
Fälle besprochen werden. Die 1713 erschienene "Medicina
novantiqua" behandelt Entwicklung und Stand der gesamten
Medizin bis in seine Zeit. In insgesamt acht Abschnitten
werden die Disziplinen der Physiologie, Pathologie, Semiotik,
Hygiene, Therapie, Diätetik, Pharmazeutik und Chirurgie
besprochen. Die Schrift zeigt den Verfasser noch ganz
im humoralpathologischen Denken verwurzelt, auch wenn
bereits die neuen Ergebnisse aus latrophysik und latrochemie
berücksichtigt sind. In Fortsetzung der "Praxis medicinae
infallibilis" (1711) erschien 1715 die "Praxis infallibilis
chirurgica". Das Werk stellt mit 400 Seiten ein herausragendes
Kompendium der Chirurgie der Zeit dar. Schließlich gab
M. B. Valentini 1719 ein Kräuterbuch heraus, das allein
383 ganzseitige Pflanzenabbildungen beinhaltet. Neben
dem berühmten "Museum Museorum" (1704) sei noch das "Amphitheatrum
zootomicum" (1720) erwähnt. Das Werk enthält eine "Historia
animalium anatomica", wobei auch auf die neue Injektionstechnik
mit flüssigen Metallen und gefärbtem Wachs eingegangen
wird.
Zahlreich
sind die Beobachtungen, die Michael Bernhard Valentini
in seinen Werken wiedergibt. Als ein Beispiel für viele
sei erwähnt, daß er 1711 bei Diabetes-Kranken einen durchdringenden
veilchenartigen Geruch feststellte, der sich auch im gelassenen
Urin wiederzeigte. Er hat damit das Azeton beschrieben,
das erst 1857 im Diabetikerharn erkannt wurde. Die Beschreibung
des klinischen Bildes der Azidose schloß sich dann 1860
an.
Blickt
man auf die behandelte Zeit des18. Jahrhunderts zurück,
so ergibt sich, daß die Gießener Medizinische Fakultät
im Durchschnitt nur mit zwei Professoren vertreten war.
Dies gilt auch dann, wenn man die hier nicht näher besprochenen
Vertreter wie G. A. Müller, G. L. Alefeld, J. W. Baumer
und Chr. L. Nebel hinzunimmt. L. H. L. Hilchen war von
1748 - 1751 sogar der einzige Professor der Medizin in
Gießen. Erst 1796 sollte die Zahl der Professoren der
Medizin wieder auf vier ansteigen und schließlich 1823
insgesamt sechs betragen. Als sich gegen Ende des 18.
Jahrhunderts an einigen deutschen Universitäten die Zahl
der Medizinstudenten stark erhöhte, wurden Stimmen laut,
die vor einer Überfüllung des Ärztestandes warnten. Von
Gießen aus war dies aber mit Sicherheit nicht zu befürchten.
Die Medizinische Fakultät blieb klein und mußte mit schwierigen
äußeren Bedingungen leben. So sollte auch die Hessische
Akademische Gesellschaft der Wissenschaften, die 1767
durch Hermann von Riedesel begründet wurde und deren Sekretär
der medizinischen Klasse Chr. L. Nebel war, nur sieben
Jahre bestehen. Als sie sich 1774 wieder auflöste, war
nur ein einziger Band der "Acta philosophico-medica societatis
academicae scientiarum principalis hassiacae" erschienen.
Es war der Band des Jahres 1771. Habent sua fata - Academiae.
3.
Die naturwissenschaftliche Ära
Wenn
im folgenden versucht wird, die naturwissenschaftliche
Ära des 19. und 20. Jahrhunderts darzustellen, kann es
weder um lückenlose Dokumentation noch um Fortschreibung
von laufenden Entwicklungen der letzten 25 Jahre (1957
- 1982) gehen. Erstere verbietet sich vom hierfür zugestandenen
Umfang her, letztere ist den eigens dafür vorgesehenen
Berichten vorbehalten. Da ferner in der Festschrift zur
350-Jahrfeier schon die historischen Überblicke über alle
Disziplinen und Institutionen der Medizinischen Fakultät
aus der Feder der jeweiligen Instituts- bzw. Kliniksdirektoren
vorliegen, bietet sich jetzt nur deren Ergänzung und Präzisierung
an, soweit dies neue Ergebnisse notwendig machen. Berücksichtigt
sind daher nicht alle Fächer und Fachvertreter. Dagegen
konnte auf die heute so beargwöhnten Namen und Leistungen
großer Ärzte nicht verzichtet werden. Sind sie doch die
Kristallisationspunkte, an denen die Gedanken der amorphen
Mehrheit erst Gestalt gewinnen. Ein solcher großer Arzt
und Naturforscher zu Beginn der naturwissenschaftlichen
Ära in Gießen war Theodor Ludwig Wilhelm BISCHOFF (1807
- 1882), der durch seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem
Gebiet der Embryologie einen Platz neben K. E. von Baer
einnimmt. Da sein 100. Todestag in dieses Jahr (5. 12.
1982) fällt, sei etwas näher auf ihn eingegangen.
Bischoff,
der in Gießen von 1843 - 1855 Professor für Anatomie und
Physiologie war, war durch die Schrift von K. E. von Baer,
in der dieser 1827 die Entdeckung des Säugetiereies vorlegte,
zur Beschäftigung mit embryologischen Studien angeregt
worden. Wie Christian Giese zeigen konnte, gelang Bischoff
bereits in seiner Bonner Habilitationsschrift, die sich
mit den Eihüllen des menschlichen Feten beschäftigte,
die Entdeckung des Amnionepithels (1833). Noch in seine
Heidelberger Forschungszeit fallen die Beobachtung über
die Eifurchung bei einer Hündin (1838) und die berühmte
1842 erschienene Schrift "Entwicklungsgeschichte des Kaninchen-Eies",
die K. E. von Baer gewidmet war und von der Preußischen
Akademie preisgekrönt wurde. Die im gleichen Jahr erschienene
"Entwicklungsgeschichte der Säugethiere und des Menschen"
faßte zum erstenmal die Vorgänge von der Befruchtung bis
zur Geburt weitgehend lückenlos zusammen. In die Gießener
Zeit fallen dann drei herausragende Arbeiten, die Bischoff
einen bleibenden Platz in der Wissenschaftsgeschichte
sichern: Im Jahre 1844 bewies er die von der Begattung
unabhängige periodische Reifung und Loslösung der Eier
beim Säugetier und Menschen und widerlegte damit die Ansicht,
die Befruchtung fände im Eierstock statt. Ferner folgten
1845 die "Entwicklungsgeschichte des Hunde-Eies" und 1852
die "Entwicklungsgeschichte des Meerschweinchens". Nach
Ansicht der Fachwelt war letztere Arbeit ein Glanzpunkt
der embryologischen Forschung. Schließlich ist die 1854
in Gießen herausgegebene "Entwicklungsgeschichte des Rehes"
anzuführen, in der Bischoff zum erstenmal den wissenschaftlich
exakten Nachweis der Eiruhe beim Rehwild führte. Es würde
zu weit gehen, hier die übrigen Beiträge von Bischoff
zur Physiologischen Chemie, zur Vergleichenden Anatomie
und zur medizinischen Ausbildung auch nur annähernd würdigen
zu wollen. Der Leser sei dazu auf die von Christian Giese
bearbeitete Gedächtnisausstellung zum 100. Todestag von
Theodor Ludwig Wilhelm Bischoff im Katalog "375 Jahre
Medizin in Gießen" verwiesen. Eine weitere Leistung von
Bischoff verdient jedoch hier der Erwähnung.
Als
Bischoff im Herbst 1843 nach Gießen kam, war zunächst
ein organisatorisches Problem zu lösen: Es fehlte an anatomischen
Demonstrationsobjekten für den Unterricht und vor allem
an einem Institut. Bischoff griff sofort den seit Jahren
geplanten Neubau auf, erweiterte ihn zu einem Anatomischen
und Physiologischen Institut und setzte mit Ausdauer und
der Unterstützung durch Liebig auf dem Seltersberg in
der Nähe des Akademischen Hospitals und des Chemischen
Laboratoriums ein Gebäude durch, das für seine Zeit mustergültig
war. Damit war ein Schlußstrich unter den jahrzehntelangen
unwürdigen und behelfsmäßigen Unterricht in Anatomie gezogen
worden. Das Gebäude in der Bahnhofstraße 84 beherbergte
nicht nur berühmte Sammlungen wie z. B. das Anatomische
Museum des S. Th. Sömmerring, sondern auch die Pathologische
Anatomie, die Physiologie und Zoologie. Denn hier war
auch die Pathologische Anatomie seit 1872 unter Th. Langhans
in drei Räumen untergebracht, bis sie am 28. 7. 1890 ihr
eigenes Institut bezog. Bis zum 1. 4. 1891 war hier auch
die Physiologie eingerichtet, um Ende 1891 unter C. Eckhard
in das alte Entbindungsinstitut in der Senckenbergstraße
15 umzuziehen. Dieses alte von Bischoff geschaffene Anatomische
Institut, in das sich ab 1927 Anatomie und Zoologie teilten,
wurde am 6. 12. 1944 durch Bomben restlos zerstört. Das
Gebäude hatte ab 1891 den Anatomen R. Bonnet, H. Strahl,
B. Henneberg, H. Becher, C. Elze und zum Teil auch F.
Wagenseil als Arbeitsstätte gedient.
Als
Bischoff 1855 Gießen verließ, um Liebig nach München zu
folgen, wurde als sein Nachfolger C. W. L. BRUCH (1819
- 1884) aus Basel berufen. Bruch, der von 1855 - 1860
Direktor des neuen Anatomischen Institutes war, ist besonders
durch die von ihm im Auge entdeckte Bruchsche Membran
(1844) bekannt geworden. Trotz eines fortschreitenden
Nervenleidens, das ihn im Jahre 1860 zur Aufgabe seines
Lehrstuhls zwang, vermochte er im Anschluß an frühere
Arbeiten noch 1861 einen Beitrag zur vergleichenden Osteologie
vorzulegen, in dem er als einer der ersten auf die Bildung
von Ersatzknochen im Gegensatz zu Deck- und Schaltknochen
einging. Bruchs gleichzeitiger Kollege im Fach Physiologie
war C. Ludwig in Marburg, der ebenfalls bei Johannes Müller
in Berlin studiert, dann aber bei L. Fick und von 1855
- 1905 bei Conrad ECKHARD (1822 - 1905) seine Ausbildung
vervollkommnet hatte. C. Eckhard war nach dem Fortgang
von Bischoff der Fachvertreter für Physiologie und nach
dem Ausscheiden von Bruch von 1860 - 1891 auch Fachvertreter
für Anatomie geworden. Die Trennung der beiden Fächer
Anatomie und Physiologie mußte also in Gießen zweimal
vollzogen werden: Das erste Mal 1855 und das zweite Mal
1891. Gemessen am Wissensfortschritt der beiden Disziplinen
und im Vergleich zu anderen Universitäten vollzog sich
diese Trennung in Gießen sehr spät.
Doch
war C. Eckhard ein äußerst vielseitiger Forscher. Neben
zahlreichen Arbeiten zu physikalisch-chemischen Fragen
wie Diffusion, Osmose und Filtration hat er grundlegende
Abhandlungen z. B. zur Speichelsekretion und Funktion
der Nervi erigentes hinterlassen. Viele dieser Arbeiten
sind in seinen zwölf Bänden "Beiträge zur Anatomie und
Physiologie" (Gießen 1858 - 1888) veröffentlicht. Besonders
interessierten ihn Themen wie Herzbewegung, Darmtätigkeit
und die Physiologie der Hirn- und Rückenmarksnerven. Von
ihm stammt der Satz: "Die Physiologie des Nerven ist der
Nerv der Physiologie." So verfaßte er auch zwei Lehrbücher
der Nervenphysiologie, die in Gießen 1854 und 1866 erschienen.
Als
das Preußische Prüfungsreglement vom 18. 9. 1867 wirksam
wurde, meldete sich C. Eckhard mit der Schrift "Die Bildung
und Prüfung des Arztes" (1869) zu Wort. Da er in diesem
Reglement ausreichende Prüfungen in Pathologie und Pharmakologie
vermißte, entwarf er einen eigenen Prüfungsplan, der alle
wichtigen Grundlagenfächer umfaßte. Diese Schrift hat
noch heute nichts von ihrer Frische und Gültigkeit eingebüßt.
Als
Eckhard im Alter von 83 Jahren starb, hinterließ er eine
große Schar von Schülern. Dazu zählten H. Welcker, der
Bahnbrecher der quantitativen Morphologie, C. E. E. Hoffmann,
der Baseler Anatom und Embryologe, F. A. Kehrer, der Reformator
des klassischen Kaiserschnitts, H. Braun, der nachmalige
Göttinger Chirurg und B. Henneberg, der spätere Gießener
Nachfolger von C. Eckhard im Fach Anatomie. Auf die übrigen
Nachfolger im Fach Physiologie wie O. Frank, S. Garten,
W. Trendelenburg und K. Bürker, deren Namen mit der Entwicklung
von Apparaten und technischen Hilfsmitteln wie z. B. dem
Kymographion oder Hämoglobinometer verbunden sind, kann
hier nicht eingegangen werden. Es sei nur erwähnt, daß
unter K. Bürker im SS 1927 das neuerbaute Physiologische
Institut in der Friedrichstraße 24 bezogen werden konnte.
Von C. Eckhard stammt der Satz: "Am meisten der Physiologie
verwandt ist die heutige Arzneimittellehre."
Dies
führt zu Rudolf BUCHHEIM (1820 - 1879), mit dessen Namen
der Beginn der wissenschaftlichen Pharmakologie verbunden
ist. Zumindest haben sich die Ideen von Buchheim über
seinen Schüler O. Schmiedeberg in Straßburg weltweit verbreitet.
R. Buchheim hatte bereits 1847 in Dorpat, von wo er 1867
nach Gießen berufen wurde, ein pharmakologisches Laboratorium
aufgebaut und begonnen, den Mechanismus der Arzneiwirkung
im Tierver-such zu erforschen. Er war damit der Begründer
einer neuen biologischen Wissenschaft zwischen der Physiologie
und der soeben geschaffenen Experimentellen Pathologie.
Leider ließen jedoch die behelfsmäßigen Unterbringungen
der Pharmakologie in Gießen nur in beschränktem Ausmaß
experimentelle Arbeiten zu und das nach den Plänen von
Rudolf Buchheim eingerichtete und am 24. 4. 1880 im Kollegiengebäude
in der Ludwigstraße eingeweihte neue Pharmakologische
Institut konnte Rudolf Buchheim nicht mehr erleben. Die
Zahl von 90 Dissertationen in 20 Dorpater Jahren gegenüber
6 Doktorarbeiten in 12 Gießener Jahren veranschaulicht
die Situation am Ort. Dennoch bleibt beachtlich, daß Buchheim
trotzdem noch eine Reihe von experimentellen Arbeiten
gelungen ist. Letztlich mußte jedoch die literarische
Arbeit in den Vordergrund treten und so erschien im Jahre
1878 sein "Lehrbuch der Arzneimittellehre" in dritter
Auflage, an dem er vom Sommer 1875 bis zum Frühjahr 1878
in Gießen gearbeitet hatte. Mit diesem Werk schuf Buchheim
ein System der Arzneimittel, in dem die Medikamente nach
ihren pharmakologischen Wirkungen gruppiert waren. Ziel
war die Erkenntnis der Arzneiwirkungen mit Hilfe von experimentellen
Untersuchungen der physikalischen und chemischen Eigenschaften
der Stoffe, ihres Verhaltens und ihrer Umsetzung im lebendigen
Organismus. In diesem Sinne hatte noch kein Forscher vor
Buchheim die Arzneimittellehre durchgearbeitet. Um dieses
Ziel zu erreichen, war es notwendig gewesen, die Fühlung
zur Klinik aufzugeben und das Fach als theoretische Disziplin
zu fundieren. Die Nachteile, die daraus erwuchsen, mußte
Buchheim in Kauf nehmen. Erst später sollte die Trennung
von Experimenteller und Klinischer Pharmakologie als richtig
erkannt und für beide Disziplinen als fruchtbar befunden
werden.
Angemerkt
sei, daß die Entwicklung der Pharmakologie zu einer experimentellen
Disziplin sich in seltener Weise am Beispiel von in Gießen
entstandenen Lehr- und Handbüchern aufzeigen läßt. Dazu
zählen das "Lehrbuch der Pharmakodynamik" (Gießen 1824),
das vier Auflagen erlebte und ins Dänische übersetzt wurde.
Sein Verfasser war der aus Hausen bei Gießen stammende
Th. Fr. W. VOGT (1786 - 1861). Es verdient Beachtung,
daß der Ausdruck "Pharmakodynamik" hier wohl zum ersten
Mal im Titel eines Lehrbuchs begegnet. In gleicher Weise
ist auf das "Handbuch der Pharmakodynamik" hinzuweisen,
das von M. W. PLAGGE (1794 - 1845) 1845 (1847) fertiggestellt
wurde. Vogt und Plagge sind zu Unrecht vergessene Vorläufer
von Ph. PHOEBUS (1804 - 1880), der gemeinhin als erster
Pharmakologe in Gießen genannt wird. Ohne Zweifel genoß
er als Vertreter der Materia Medica in Gießen (1844 -
1867) ein hohes Ansehen, doch war das von ihm 1844 in
Gießen geschaffene "Erste Pharmakologische Institut in
Deutschland" nur ein Kabinett, eine Sammlung im Dienste
des Unterrichts. Als Rudolf Buchheim am 26. 10. 1867 die
Nachfolge antrat, mußte er erst einmal ein leistungsfähiges
Pharmakologisches Institut schaffen.
Im
Jahre 1867 wurde in Gießen auch der erste ordentliche
Lehrstuhl für Pathologie eingerichtet, den L. Fr. A. WINTHER
von 1867 - 1871 innehatte, nachdem er seit 1848 als Extraordinarius
schon das Fach vertreten hatte. Seine zahlreichen Nachfolger
wie Th. Langhans, K. Koester und M. Perls, die aus der
Schule von Recklinghausens stammten, blieben ebenso wie
F. Marchand nur kurze Zeit am Ort. Erst E. W. BOSTROEM
(1850 - 1928) sollte den Gießener Lehrstuhl für Pathologie
43 Jahre lang bekleiden (1883 - 1926). In dieser Zeit
(1887 - 1890) wurde das jetzt bald 100 Jahre alte Pathologische
Institut erbaut, das unter der Ära Bostroem rund 325 Doktoranden,
darunter später hochberühmte Pathologen, erlebte.
Bostroem
selbst hat in Gießen außerordentlich segensreich gewirkt.
Er war zweimal Rektor der Universität, viermal Dekan und
seit 1889 auch Prüfungsvorsitzender der Medizinischen
Fakultät. Vor allem sind ihm der Ausbau und die Entwicklung
der medizinischen, zahnärztlichen und veterinärmedizinischen
Institutionen zu verdanken. Mag auch sein Schrifttum klein
sein, die Zahl seiner Schüler und Mitarbeiter ist um so
beachtlicher. So haben J. G. Mönckeberg und W. Stoeckenius
bei Bostroem über Themen zur Tumorenbildung und Naevusentstehung
habilitiert. Von den Mitarbeitern sei nur K. M. W. Wilms
erwähnt, der in Gießen seine Aufsehen erregende Schrift
über die Mischgeschwülste verfaßte und ferner Th. Fahr,
dessen Name mit der Nierenpathologie verbunden bleibt.
Der Nachfolger von Bostroem war Georg HERZOG, der von
1926 - 1954 die Pathologie in Gießen vertrat. In der Festschrift
zur 350-Jahrfeier hat er den Abschnitt zur Geschichte
der Medizinischen Fakultät Gießen redigiert und dort auch
über seine eigene Arbeit referiert.
Zu
den Fächern, die wie die Anatomie, Physiologie, Pharmakologie
und Pathologie im Verlauf des 19. Jahrhunderts einen ordentlichen
Lehrstuhl bekamen, zählte auch die Hygiene. Fr. J. J.
WILBRAND (1811 - 1894), der seit 1843 Vertreter der "Staatsarzneikunde"
war, hatte 1888 den Ruhestand gewählt und damit Platz
für einen Nachfolger gemacht. Dieser Nachfolger war Georg
GAFFKY (1850 - 1918), der seit seiner Berufung an das
Kaiserliche Gesundheitsamt in Berlin in enger Freundschaft
mit R. Koch stand. Mit ihm hatte er 1883/84 an der Cholera-Expedition
nach Ägypten und Indien teilgenommen und 1887 die Ergebnisse
veröffentlicht, die zur Entdeckung des Choleravibrio geführt
hatten. Arbeiten über "Experimentell erzeugte Septicämie"
(1881), die "Künstliche Abschwächung der Milzbrandbacillen"
(1884) und die "Cholera in Gonsenheim und Finthen" (1886)
hatten Gaffky zum Lehrstuhl für Hygiene in Gießen verholfen.
Auch war es ihm gelungen, den Erreger des Typhus abdominalis
in Reinkultur aus Milz und Mesenterialdrüsen zu züchten
und in der Kartoffelkultur von anderen Bakterienarten
zu unterscheiden. Als im Jahre 1896 die orientalische
Beulenpest in bedrohlichem Ausmaß auftrat, entsandte das
Deutsche Reich eine Expedition nach Bombay zur Erforschung
der Pest. Die Leitung übernahm Gaffky, da Robert Koch
gerade in Afrika zum Studium der Rinderpest weilte. Der
Forschungsbericht wurde von Gaffky, Pfeiffer, Dieudonne
und Sticker verfaßt. Der genannte Gießener Georg Sticker,
der während der Expedition an der Pest erkrankte, entdeckte
dabei die sogenannte Pestformel (= Ratte, Floh, Mensch).
In dem angefügten Bericht "Untersuchungen über die Lepra"
beschreibt er außerdem den Primärinfekt in den Nasenschleimhäuten.
G. STICKER, der von 1895 - 1897 in Gießen einen Lehrauftrag
für Geschichte der Medizin hatte, sollte nach seiner internistischen
Fachausbildung von 1920 - 1934 den Lehrstuhl für Geschichte
der Medizin in Würzburg übernehmen. Dieser Nestor der
Medizingeschichte wurde zum meisterhaften Bearbeiter der
Seuchengeschichte.
G.
Gaffky, der von 1888 - 1904 die Hygiene in Gießen vertrat,
hat sich darüber hinaus besondere Verdienste um die Stadt
Gießen erworben. Er hat ihre Kanalisation saniert, in
Gießen die Stelle eines Schularztes geschaffen und ein
Untersuchungsamt für Infektionskrankheiten begründet.
Er war außerdem der Hygiene-Berater der Hessischen Regierung
und der Organisator der kreisärztlichen Fortbildung. Rufe
nach Göttingen und Halle lehnte er ab, folgte aber 1904
auf den Lehrstuhl seines verehrten Lehrers Koch nach Berlin.
Im gleichen Jahr ernannte ihn die Stadt Gießen zu ihrem
Ehrenbürger.
Der
soeben genannte G. Sticker war Schüler des Gießener Internisten
Franz RIEGEL (1843 - 1904), der den Lehrstuhl für Innere
Medizin von 1879 - 1904 innehatte. In diesen 25 Jahren
seiner Gießener Tätigkeit hat Riegel außerordentliche
wissenschaftliche Leistungen vollbracht. Während der 11
Jahre kümmerlicher Unterbringung im Akademischen Hospital
(1879 - 1890) erschienen Arbeiten zur Hemisystolie-Frage,
zum renalen Bluthochdruck, zum Venenpuls, zu den Krankheiten
des Herzens und der Atmungsorgane und schließlich zur
Pathologie und Therapie der Magenkrankheiten. Die Magensekretion
hatte er in zahlreichen Selbstversuchen geklärt und an
Hunden die Wirkungen des Atropin, Pilokarpin und Morphin
auf die Saftsekretion studiert. Ein heimtückisches Lungenleiden
raffte ihn, der soviel über respiratorische Krankheiten
gearbeitet hatte, nach seinem 25jährigen Dienstjubiläum
hinweg. Sein monumentales Werk über die Magenkrankheiten,
ein Klassiker der Gastrologie, war noch 1897 erschienen.
Aus
der Gießener Riegel-Schule sind zahlreiche hervorragende
Wissenschaftler hervorgegangen. Genannt seien hier L.
Edinger, der zu den Begründern der Paläoneuroanatomie
gehört, C. von Noorden, der von 1906 - 1913 die Erste
Wiener Medizinische Klinik leitete, der schon genannte
G. Sticker und Fr. Volhard, dem der Name eines "Nierenpapstes"
zugelegt wurde. Volhard schrieb über seinen ehemaligen
Chef: "Riegel war aber auch von früh bis spät beständig
an der Arbeit. Erholung, Muße, Zerstreuung gab es für
ihn nicht... Fleiß und Pflichtgefühl waren bei ihm alles."
Dieser
nie erlahmenden Energie war es auch zu verdanken, daß
Riegel 1890 in die neuerbaute Klinik einziehen konnte,
die gleichzeitig mit der Frauenklinik und dem Pathologischen
Institut eingeweiht wurde. Sie war von Riegel selbst geplant
worden und sollte den Zwecken eines Krankenhauses sowie
einer Lehr- und Forschungsanstalt nachkommen. Im August
1887 war der erste Spatenstich gemacht worden und im Herbst
1890 stand das Gebäude bereits bezugsfähig da. Es war
für die damalige Zeit ein "Musterinstitut", in dem Riegel
ein leistungsfähiges klinisches Laboratorium eingerichtet
hatte. Riegel, der als weithin bekannter Kliniker der
Medizinischen Fakultät Gießen zu großem Ansehen verhalf,
wurde 1890 zum Geheimen Medizinalrat und zum ersten Verwaltungsdirektor
der von ihm geschaffenen neuen Kliniken ernannt.
Welche
Leistung damit verbunden war, macht ein Blick auf die
bauliche Situation der Medizinischen Fakultät zu Beginn
des 19. Jahrhunderts klar. Denn Gießen besaß damals eine
der rückständigsten Medizinischen Fakultäten. Die einzige
stationäre Klinik war das Gebärhaus. Vom uralten Bürgerhospital
hieß es: "Als Krankenhaus zeichnete sich dasselbe lediglich
durch Betten und deren Insassen aus, jedwede anderweitige
Hospitaleinrichtung fehlte." Das Collegium Ludovicianum
am Brandplatz stand vor dem Einsturz und die Anatomie
bedurfte dringend einer neuen Unterkunft. In dieser kläglichen
Lage war die Übernahme der zwischen 1817 und 1819 erbauten
Kaserne auf dem Seltersberg als Universitätsgebäude ein
glücklicher Umstand. Das Ende 1823 zum Kauf angebotene
Gebäude konnte endlich am 5. 7. 1830 eröffnet werden.
Die alleinige Leitung hatte damals G. Fr. W. BALSER (1780
- 1846). Die offizielle Einrichtung einer medizinischen,
ophthalmologischen und chirurgischen Abteilung im Akademischen
Hospital wurde am 22. 5. 1832 vollzogen. Doch auch dieses
Hospital, das der Internist und Ophthalmologe Baiser als
Direktor von 1832 - 1846 leitete und in der Nachfolge
von 1846 - 1878 durch den Chirurgen und Pathologen A.
C. G. WERNHER (1809 - 1883) geführt wurde, hatte kaum
den Anforderungen an ein leistungsfähiges Krankenhaus
entsprechen können. So besaß es nur einen provisorischen
Operationsraum und die Abteilungen für Innere Medizin,
Chirurgie und Augenheilkunde waren jeweils auf ein halbes
Stockwerk des Westflügels verteilt. Der gesamte Ostflügel
wurde von der Universitätsbibliothek, dem Antikenkabinett
und der Mineralogischen Sammlung eingenommen. Diese jammervollen
Verhältnisse, die Riegel 1879 bei seiner Ankunft in Gießen
vorgefunden hatte, waren jetzt im Jahre 1890 durch den
Neubau der Medizinischen Klinik beendet.
Der
Auszug der Medizinischen Klinik aus dem Akademischen Hospital
brachte für die Chirurgie vorübergehende Vorteile. Die
Bettenzahl wuchs von zehn auf neunzig an und H. BOSE (1840
- 1900) konnte weitere Verbesserungen erzielen. Dennoch
war ein Neubau unausweichlich. Insbesondere unter P. POPPERT
(1860 - 1933) wurde der Neubau der Chirurgie vorangetrieben
und konnte schließlich im November 1907 fertiggestellt
werden. Der Gebäudekomplex bestand aus einem großen Blockbau,
einem Isolierpavillon und einem Haus für Privatkranke.
Die Klinik war für 200 Kranke bestimmt. Wie Riegel sollte
auch Poppert, der von 1900 - 1933 Direktor der Chirurgischen
Klinik war, der Fakultät zu großem Ansehen verhelfen.
Mehrere ehrenvolle Rufe lehnte er ab und widmete sich
ganz der Entwicklung der Abdominalchirurgie. Große Erfolge
erzielte er dabei in der Gallenwegschirurgie, zu deren
Mitbegründer er zu rechnen ist. Über 6000 Gallenoperationen
hat er nach 1900 durchgeführt und Hunderte von Cholezystektomien
verliefen ohne Komplikationen. Er selbst sollte jedoch
an einem "Pseudorezidiv" nach Cholezystektomie sterben.
Von
der Schaffung des ophthalmologischen Lehrstuhls in Gießen
im Jahre 1877 durch H. SATTLER (1844 - 1928) bis zum Bezug
der Augenklinik am 19. 8. 1907 sollten 30 Jahre vergehen,
in denen die Augenkranken im Akademischen Hospital behandelt
werden mußten. Der von A. VOSSIUS (1855 - 1925) vorangetriebene
Neubau, der für 120 Betten bestimmt war, sollte an der
Spitze aller deutschen Universitätsaugenkliniken rangieren.
Trotz vieler Anfeindungen hatte Vossius es verstanden,
sich mit dem Argument durchzusetzen, daß er nicht für
die Gegenwart, sondern für die Zukunft baue. Auch Vossius,
der sich unter J. Jacobsen in Königsberg habilitiert hatte,
gehört zu jenen hervorragenden Forschern und Lehrern der
Heilkunde, die das Ansehen ihres Faches und der Medizinischen
Fakultät mehrten. Bekannt wurde vor allem sein "Grundriß
der Augenheilkunde" (1888), der in zweiter Auflage zum
Lehrbuch umgearbeitet war und in der dritten Auflage auch
ins Russische und Japanische übersetzt wurde. Der Name
von Vossius ist ferner mit der Kontusionstrübung der Linse
verknüpft.
Der
Geburtshelfer und Gynäkologe K. F. J. Birnbaum schrieb
1867: "Sein Name ist mit ehernen Zügen in das Buch der
Geschichte eingegraben, so lange man von berühmten Geburtshelfern
spricht, wird man auch den Namen Ritgen nennen." Gemeint
ist Ferdinand August Maria Franz von RITGEN (1787 - 1867),
der am 17. 3. 1814 zum Professor der Chirurgie und Geburtshilfe
in Gießen berufen wurde. Die Professur für Chirurgie trat
er bereits 1837 zugunsten seines ersten Assistenten der
Chirurgie Wernher ab, übernahm dafür aber die Professuren
in Medizinischer Polizei und Seelenheilkunde. Am 15. 11.
1814 wurde er zum Direktor der Entbindungsanstalt ernannt,
nachdem deren erster Direktor L. L. HEGAR (1789 - 1814)
am Typhus contagiosus gestorben war.
Ritgen
hat ein außerordentlich umfangreiches literarisches Werk
hinterlassen, das von der Medizin bis zur Astronomie reicht.
Da er am Übergang der Naturphilosophie zu den exakten
Einzelwissenschaften lebte, finden sich in seinen Werken
sowohl das naturphilosophische Denken als auch die kausalanalytische
Betrachtungsweise. Wie das Titelblatt seines Kometenbuches
zeigt, waren ihm allein 35 Titel und Mitgliedschaften
zugewachsen. Wegen seiner zahllosen Verdienste, die auch
die Neuordnung der Registratur und des Kanzleiwesens der
Universität betrafen, wurde er von Großherzog Ludwig II.
1839 in den erblichen Adelsstand erhoben. Es ist hier
nicht möglich auch nur einen Teil seiner Schriften zu
besprechen. Hingewiesen sei lediglich auf das "Handbuch
der Geburtshülfe" (1824), in dem Ritgen seine Kenntnisse
über den normalen Geburtsvorgang wie über die Geburtsstörungen
und deren Beseitigung ausbreitete. Dieselbe Schrift erschien
1848 in vermehrtem Umfang unter dem Titel "Lehr- und Handbuch
der Geburtshülfe für Hebammen". Dieses Werk enthält seine
Lehre vom Dammschutz, die in dem mit seinem Namen verbundenen
Handgriff fortlebt. Als ein Lehrbuch für die Gießener
Studenten war die "Entwicklungsgeschichte der menschlichen
Frucht" (1832) konzipiert, welche die Entwicklung aller
Teile der menschlichen Frucht behandelte. Die beiden monumentalen
Bände zum Medizinalwesen von Hessen (1840) entsprangen
seinem Lieblingsgebiet, der Medizinischen Polizei. Dieses
Werk stellt eine einzigartige Sammlung aller Gesetze,
Erlasse und Verfügungen dar und ist für den an der Geschichte
des öffentlichen Gesundheitswesens in Hessen Interessierten
eine wahre Fundgrube. Ritgens Name ist aber vor allem
mit der von ihm geschaffenen Accouchieranstalt, im Volksmund
"Engagieranstalt" genannt, verbunden. Schon 1805 war mit
der Beseitigung einzelner Festungswerke in Gießen begonnen
worden, um Raum für Baugelände zu gewinnen. Ein Teil davon
wurde der Universität zur Erbauung des Gebärhauses überlassen,
ein anderer Teil diente der Erweiterung des Botanischen
Gartens. Der schon seit langem geplante Bau konnte 1809
begonnen, der Rohbau 1812 fertiggestellt und im Jahre
1840 endgültig bezogen werden. Wie an anderen Orten in
Deutschland war diese Gebäranstalt in Gießen die erste
stationäre Klinik.
Um
eine zweckmäßige Ausstattung der Klinik mit Lehrmitteln
hatte sich Ritgen von Anfang an bemüht. Hierzu gehörte
der Ankauf der Sammlung chirurgischer und geburtshilflicher
Instrumente und Bandagen, die L. L. Hegar 1812 von dem
Straßburger Chirurgen Lobstein erworben hatte und nach
Hegars Tode für die Medizinische Fakultät gekauft worden
war. Sie ist heute ebenso verloren wie die umfangreiche
geburtshilfliche Bibliothek. Obwohl die "apparative Ausstattung"
der Gebäranstalt nach heutigen Maßstäben bescheiden war
und im wesentlichen über einen Geburtsstuhl bzw. ein Geburtsbett,
ein Beckenphantom und ein Kinderphantom wie auch über
eine Geburtszange verfügte, erfreute sich die Gebäranstalt
doch eines großen Zulaufs. Wie die von Ritgen im Jahre
1820 herausgegebenen "Jahrbücher der Entbindungsanstalt
zu Gießen" aufzeigen, war die Entwicklung von 2 Geburten
im Jahre 1814 zu 47 Geburten im Jahre 1815 verlaufen.
Im Jahre 1835 sollten es schon 168 Geburten und im Jahre
1842 197 Geburten sein. In einem Bericht des Jahres 1829
heißt es sogar, daß vom 15. 11. 1814, dem Tag der Aufnahme
der ersten Schwangeren bis zum Ende des Jahres 1828 insgesamt
1700 Personen Hilfe und Pflege in der Gebäranstalt gefunden
haben und gleichzeitig 500 Hebammen ausgebildet worden
sind. Dabei war die Gebärklinik, die aus einem Haupt-
und Nebengebäude bestand, keineswegs allzu groß gebaut
worden. Wie die Pläne zeigen, waren jedoch neben dem Bibliotheks-
und Sammlungsraum, dem Hörsaal, dem Touchierzimmer, dem
Sprechzimmer, dem Sektionsraum und den Krankenzimmern
zwei Schlafräume für die Hebammenschülerinnen zu je 16
Betten vorhanden. So sollte das von G. Fr. W. Baiser geplante,
von dem Architekten Hofmann und dem Bauaufseher Oswald
erbaute Entbindungsinstitut im Forstbotanischen Garten
bis zum Jahre 1890 den Vertretern der Geburtshilfe und
Frauenheilkunde von Ritgen über K. Fr. J. Birnbaum, F.
A. Kehrer, J. Fr. Ahlfeld, R. Kaltenbach, M. Hofmeier
bis hin zu Chr. A. H. Löhlein als Lehr- und Forschungsstätte
dienen. Ab 1891 fand das Physiologische Institut unter
C. Eckhard darin Unterkunft.
In
Ritgens Gießener Wirkungszeit fällt die Verleihung der
ersten Ehrendoktorurkunde für Entbindungskunst an eine
Frau. Es war Josepha von SIEBOLD, die bei ihrem Schwager
Elias von Siebold, Professor für Geburtshilfe in Würzburg,
das Studium der Entbindungskunst aufgenommen hatte. Ihr
Schwager war nämlich zur Ansicht gekommen, "daß auch Damen
von Bildung sich mit diesem Fach beschäftigen können."
Am 10. 11. 1807 wurde Josepha von dem Medizinalkollegium
in Darmstadt geprüft und mit der Erlaubnis versehen, die
Entbindungskunst praktisch auszuüben wie auch gegen Pocken
impfen zu dürfen. Bald war ihr Ruf so groß, daß die Medizinische
Fakultät der Universität Gießen ihr am 6. 9. 1815 die
Ehrendoktorwürde in der Entbindungskunst verlieh. Ihren
eigentlichen Ehrentitel "Mutter der Armen wie ihrer Kinder"
hatte ihr jedoch die Praxis, keine Fakultät, verliehen.
Ihre
Tochter aus erster Ehe mit dem Regierungsrat G. Heiland,
war Charlotte HEILAND, genannt von Siebold (1788 - 1859).
Charlotte Heiland hatte nicht nur bei ihren Eltern, sondern
auch in Göttingen bei Fr. Osiander gelernt und 1814 in
Darmstadt das Examen der Entbindungskunst abgelegt. In
Gießen wurde sie am 26. 3. 1817 zum Doktor der Entbindungskunst
promoviert. Ihre Dissertation befaßte sich mit der Bauchhöhlenschwangerschaft.
Mutter und Tochter waren damit die ersten Frauenärztinnen
in Deutschland, die beide in Gießen die Doktorwürde erhalten
hatten.
Das
Klientel von Charlotte Heiland war fürstlich: Am 24. 5.
1819 entband sie die Herzogin von Kent von einem Mädchen
namens Victoria, der späteren Königin von England. Am
26. 8. 1819 war sie Hebamme bei der Geburt des Prinzen
Albert von Coburg. Beide sollten später heiraten und ihre
alte Hebamme am 17. 8. 1845 in Mainz besuchen.
Aus
dem eben geschilderten alten Entbindungsinstitut wurde
im Jahre 1890 unter H. Löhlein die Frauenheilkunde in
die neuerbaute Frauenklinik am Seltersberg verlegt. Da
wichtige Nebenräume fehlten, erfolgte unter H. J. Pfannenstiel
1907/08 ein erster Anbau mit einem modernen Operations-
und Geburtssaal. Weitere Unzulänglichkeiten behob schließlich
1921/23 R. von Jaschke durch einen zweiten Erweiterungsbau.
Damit zählte die Frauenklinik "zu den schönsten und besteingerichteten
Anstalten Deutschlands". Es war Rudolf Theodor Edler von
JASCHKE (1881 - 1963), der von 1918 - 1947 die Gießener
Frauenklinik leitete und ihr eine internationale Reputation
verschaffte. Jaschke, der allein schon durch seine Lehrbücher
berühmt war, hatte Rufe nach Wien und Düsseldorf abgelehnt.
Nach dem Zusammenbruch und in der Not der Nachkriegszeit
war er einer der Großen des Faches, der als Präsident
die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie wieder zu neuem
Leben erweckt hat.
Zu
den inzwischen entstandenen theoretischen Instituten und
Kliniken trat die im September 1912 durch H. KOEPPE (1867
- 1939) eröffnete Kinderklinik. Laut H. Hungerland verfügte
die Gießener Universität damit "als eine der ersten deutschen
Universitäten" über eine derartige Anstalt. Freilich hat
Gießen auch erst 1933 als vorletzte aller deutschen Universitäten
ein Ordinariat für Kinderheilkunde erhalten. Der Weg der
Pädiatrie zu einem lehrstuhlfähigen Fach war in Gießen
besonders langwierig. Doch "mit Mitteln der Ernst Ludwig-
und Eleonoren-Stiftung und der Großh. Zentrale für Mutter-
und Säuglings-Fürsorge in Hessen-Darmstadt" gelang die
Erbauung einer Kinderklinik, die am 1. 4. 1916 der Verwaltung
der Universitätskliniken übergeben wurde. Das Haus war
mit 40 Kinderbetten ausgestattet worden und stand in der
Friedrichstraße 16. Es wurde durch den Bombenangriff am
6. 12. 1944 völlig vernichtet. Nach zahlreichen Stationen
der Wanderschaft gelang schließlich wieder ein Neubau,
der 1972 bezogen werden konnte. Diese neue Kinderklinik
sollte sich jetzt weit über ihre Vorgängerin erheben,
die vor 70 Jahren mit einem Professor und zwei Assistenten
begonnen hatte.
An
die Universitätskinderklinik des Jahres 1912 sollte sich
1913 der Neubau der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik anschließen.
Der Bau dieser Klinik vollzog sich aber unter großen Widerständen
und langen Auseinandersetzungen. Man darf von einem Leidensweg
sprechen, der offenbar jedem jungen Fach in seinem Kampf
um Existenz und Anerkennung abverlangt wird.
H.
J. Fr. STEINBRÜGGE, der sich 1881 in Heidelberg für Ohrenheilkunde
habilitiert hatte und als "Ausländer" 1885 die Habilitation
in Gießen wiederholen mußte, wurde erst nach langen Verhandlungen
unter Androhung seines Rücktritts im Jahre 1898 zum Extraordinarius
ernannt. Sein Fall, der hier nicht ausgebreitet werden
kann, macht deutlich, welchen Schwierigkeiten das Fach
und die Fakultät von seiten des Ministerium ausgesetzt
war: Fehlende Bereitschaft zu einer auch nur minimalen
personellen und räumlichen Ausstattung, taktische Verzögerungen
bei der Anerkennung berechtigter Ansprüche sowie Gleichgültigkeit
gegenüber der Versorgung von Ohrenkranken. All dies lastete
sehr schwer auf Steinbrügge. Sein Tod erfolgte bereits
am 21. 8. 1901.
Auch
war die Unterbringung der Ohrenpoliklinik, die von 1885
bis zum 15. 10. 1892 im Kanzleigebäude am Brandplatz ihr
Domizil hatte und ab diesem Zeitpunkt im Nebengebäude
des Akademischen Hospitals eine Zuflucht fand, außerordentlich
unvollkommen. Die Errichtung einer Ohrenklinik war zwar
bereits 1899 für notwendig erachtet worden, doch wurde
erst 1901 ein Antrag gestellt. Es war das Jahr der Berufung
von E. H. M. LEUTERT (1862 - 1928) als Extraordinarius
des Faches nach Gießen. Als Schüler von H. Schwartze in
Halle hatte Leutert besondere Leistungen in Diagnostik
und Otochirurgie aufzuweisen. Sein Name steht noch heute
beispielhaft für den Kampf des jungen Faches Otologie
am Beginn dieses Jahrhunderts um Anerkennung und Existenz.
Leutert hat nämlich nach mehrfachen provisorischen und
für die Patienten unzumutbaren Unterbringungen am 9. 12.
1909 sein Entlassungsgesuch unter Verzicht auf Pension
eingereicht. Er hatte 1906 einen Ruf nach Königsberg abgelehnt,
war zum persönlichen Ordinarius ernannt worden und 1908
zugleich Dekan der Medizinischen Fakultät. Dieser Rücktritt
aus Protest verfehlte seine Wirkung nicht. Sein 1910 berufener
Nachfolger C. von Eicken konnte bereits 1913 die neue
Hals-, Nasen- und Ohrenklinik beziehen und 1918 in Gießen
sogar das vierte planmäßige Ordinariat nach Rostock, Graz
und Halle begründen.
Als
nächster Neubau folgte die am 4. 3. 1914 errichtete Hautklinik.
Sie gehörte zu jener stattlichen Reihe von Klinikbauten,
die mit der Medizinischen und Frauenklinik im Jahre 1890,
mit der Chirurgischen Klinik und Augenklinik im Jahre
1907, der Kinderklinik im Jahre 1912 und der HNO-Klinik
im Jahre 1913 begonnen worden war. Die damals im Rahmen
einer vorausschauenden Baukonjunktur unternommenen Anstrengungen
müssen heute wehmütig stimmen. A. JESIONEK (1870 - 1935),
der 1906 als Extraordinarius berufen worden war und 1918
zum ordentlichen Professor ernannt wurde, hatte nach ebenfalls
unzureichender Unterbringung mit beispielhafter Energie
den Bau der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten
durchgesetzt. Das Fach Dermatologie und Venerologie war
nunmehr gut gerüstet, zumal seit 1918 Jesionek auch Direktor
der Lupusheilstätte war. Auch Jesionek, der den Lehrstuhl
in Gießen von 1905 - 1935 wahrnahm, gehörte zu jenen herausragenden
Wissenschaftlern und Lehrern der Heilkunde, die der Fakultät
einen Namen einbrachten. Allein vier seiner Schüler, die
bei Jesionek in Gießen sich habilitierten, erlangten später
Lehrstühle im Fach Dermatologie. Dazu zählen St. Rothmann,
der seit 1938 in Chicago wirkte, W. Schultze, der in Jena
und dann in Gießen Lehrstuhlinhaber für Dermatologie war,
S. Bommer, der in Greifswald das Fach vertrat und W. Engelhardt,
der als Direktor der Hautklinik in Tübingen arbeitete.
Jesionek selbst hatte sich schon früh lichtbiologischen
Studien zugewandt und unter dem Einfluß des Nobelpreisträgers
Finsen mit der Lichttherapie von Lupösen begonnen. Unter
Hinzuziehung neuer Quecksilberdampfquarzlampen entwickelte
er das Hallenlichtbad als Ersatz für die im Winter fehlende
Sonne und wie wichtig ihm das Heilklima war, zeigt allein
die Gießener Lupusheilstätte mit ihren großen Grünflächen
und ihrer Freiluftbehandlung mit Licht und Sonne. Jesionek
hatte mit dieser allgemeinen Behandlung im Gegensatz zur
Herdbehandlung der Lupustherapeuten großen Zuzug aus dem
In- und Ausland. So wurden in den ersten 25 Jahren (1913
- 1938) in der Gießener Lupusheilstätte rund 7000 Patienten
mit Hauttuberkulose erfolgreich behandelt. In den großen
Monographien "Lichtbiologie" (1910) und "Lichtbiologie
und Lichtpathologie" (1912) hat Jesionek zahllose Beobachtungen
über den Einfluß des Lichts auf die lebendige Natur zusammengetragen
und daraus seine therapeutischen Schlußfolgerungen gezogen.
Sein Schüler W. Schultze äußerte in einem Vortrag am 21.
5. 1938: "Wenn irgendwo in vergangener Zeit ein Arzt biologisch
dachte, so gilt dies für Jesionek."
Die
von ihm am 19. 5. 1913 in Gießen in Betrieb genommene
Lupusheilstätte war die erste in Deutschland. Durch Unterstützung
des Vorsitzenden der Landesversicherungsanstalt, Geheimrat
Dr. A. Dietz, war es gelungen, die Erbauung eines Lupusheimes
in Gießen zu beschließen. Dieses "Dietzhaus" war alsbald
zu klein, so daß nach dem Tode von A. Dietz dessen Nachfolger
H. Neumann einen Neubau in die Wege leitete. Es war das
"Neumannhaus", das am 27. 2. 1926 bezogen werden konnte.
Beide Häuser dienten jenen Armen, die wegen ihres ekelerregenden
Aussehens keine Arbeit finden konnten, als Heimstätte.
Für sie hat sich Jesionek, wie Zeugnisse beweisen, aufgeopfert.
Er selbst starb an einer Tuberkulose.
Einer
weiteren Persönlichkeit, die in Gießen als ein besonders
volkstümlicher Geheimrat galt, ist hier noch zu gedenken:
Robert SOMMER (1864 - 1967). Er hatte 38 Jahre den Lehrstuhl
für psychische und nervöse Krankheiten in Gießen inne
und war ein außerordentlich vielseitiger und unermüdlicher
Forscher. Dies zeigt nicht nur sein Ausbildungsweg, der
zum Doktor der Philosophie und der Medizin führte, sondern
auch sein Schriftenverzeichnis, das ihn als Psychiater
auf den Gebieten der forensischen Psychiatrie und psychischen
Hygiene, zugleich aber auch als Genealogen, Pädagogen,
Dichter und Archäologen ausweist. Denn er veröffentlichte
die ersten Lehrbücher der forensischen Psychiatrie, begründete
die Deutsche Gesellschaft der Psychohygiene, trieb genealogisch-pathographische
Studien über Goethes Wetzlarer Verwandtschaften, wanderte
den Wegen der Nibelungen von Xanten bis nach Ungarn nach
und publizierte ebenso über Währungssysteme wie Erblichkeitslehre.
Schließlich gab er italienische Sonetten heraus. Mit einer
Arbeit über "Sömmerings Lehre vom Sitz der Seele" (1891)
wurde er in Würzburg unter C. Rieger zum Doktor der Medizin
promoviert. Bald nach seiner Habilitation im Jahre 1892
wurde er am 1. 4. 1895 als Extraordinarius nach Gießen
berufen. Hier stand er vor der schwierigen Frage, wie
er die seit 1891 im Bau befindliche und nach den Plänen
des Oberbaurats von Weltzien stark veränderte Klinik nach
den Vorstellungen von Georg Ludwig (1826 - 1910), dem
Begründer der Landes-Irrenanstalt zu Heppenheim, wieder
zu einem sinnvollen Ganzen verbinden konnte. Die Klinik
wurde schließlich am 25. 2. 1896 eröffnet und R. Sommer
am 14. 12. 1896 zu ihrem Direktor ernannt. Seit dem Antrag
des Jahres 1835 auf "Errichtung eines Hospitales für heilbare
Irre an der Landes-Universität" hatte es somit 60 Jahre
bis zur Eröffnung der Psychiatrischen Klinik gedauert.
Diese
Klinik, die in ihrer Zeit für eine der fortschrittlichsten
galt und noch heute weitgehend ihren Aufgaben gewachsen
ist, war im Pavillonstil errichtet. Zugrunde lag die Konzeption
der Stadtasyle von W. Griesinger, die R. Sommer und sein
Oberarzt H. A. Dannemann anstrebten. Der ehemalige Festungscharakter
und kerkerhafte Zustand der Irrenhäuser wurde aufgegeben,
da jetzt die Anstalten sich mit ihren Patientenreservoirs
als Forschungs- und Unterrichtsstätten anboten. Denn auf
dem Boden der Zellularpathologie hatte sich das lokalistische
Denken durchgesetzt und der alte Satz, daß Geistes-krankheiten
Gehirnkrankheiten sind, schien wieder bestätigt. So versteht
sich auch das von Robert Sommer angelegte Kabinett abnormer
menschlicher Schädel. Gemäß Fr. J. Gall (1758 - 1828)
hoffte man, über die Vorwölbungen am Schädel Geisteskrankheiten
im Gehirn lokalisieren und diagnostizieren zu können.
R. Sommer war mit dieser Theorie durch seinen Lehrer C.
Rieger vertraut gemacht worden. Die Stadt Gießen verdankt
R. Sommer z. B. die Existenz des Liebig-Museums. Als Stadtrat
hatte er eine Reihe von Reformen geplant: Die Lahn sollte
bis Gießen schiffbar gemacht werden und die Eisenbahn
aus der Stadt herausgenommen werden. Leider blieb dieser
Initiative der Erfolg versagt. Größtes Aufsehen erregte
der Geheimrat, wenn er mit den von ihm gebauten "Wasserskis"
von Gießen nach Wetzlar auf der Lahn spazieren ging. R.
Sommer ist bislang der einzige Psychiater, der sich bereits
zu Lebzeiten einen Gedenkstein gesetzt hat. Dieses Denkmal
bei Grüningen ist ein Dokument seiner ernstheiteren Sinnesart.
Die
"Klinik für psychische und nervöse Krankheiten" in Gießen
wurde 1936 in aller Form wieder in "Psychiatrische und
Nervenklinik" umbenannt, "nach freundnachbarlicher Übereinkunft
mit dem Internisten Helmut Reinwein...", wie es heißt.
Dieser hatte also wohl Wert daraufgelegt, daß seine Klinik
weiterhin den Namen "Medizinische und Nervenklinik" trage.
Wie in Tübingen und Jena, wo der gleiche Vorgang zu beobachten
ist, wird man auch in Gießen in dieser Übereinkunft einen
Kompromiß zu erblicken haben. Denn auf die Neurologie
erhoben sowohl der Psychiater als auch der Internist einen
Anspruch.
Die
Entwicklung der Neurologischen Wissenschaften vollzog
sich in Gießen aber erst nach dem 2. Weltkrieg. Die Gründung
der Akademie für Medizinische Forschung und Fortbildung
führte zur Aufnahme von Teilen des Kaiser Wilhelm-Institutes
für Hirnforschung von Berlin-Buch, der späteren neuropathologischen
Abteilung der Max-Planck-Gesellschaft für Hirnforschung,
in Gießen. Ihr Leiter war der Altmeister der deutschen
und internationalen Neuropathologie Julius HALLERVORDEN
(1882 - 1965), der in Gießen 12 Jahre lang (1949 - 1962)
wirkte. Gleichzeitig mit ihm arbeitete in Gießen auch
der Leiter der Abteilung für Neuroanatomie Hugo SPATZ
(1888 - 1969), der als der bedeutendste Hirnforscher überhaupt
gelten darf. Beide Abteilungen waren damals in Räumen
des Physiologischen Institutes untergebracht. Der damalige
Dekan der Medizinischen Fakultät F. WAGENSEIL hatte daran
maßgeblichen Anteil. Hallervorden und Spatz, die über
44 Jahre wissenschaftlich und freundschaftlich verbunden
waren, haben in Gießen den Neurologischen Wissenschaften
wie auch der Neurochirurgie wichtige Impulse verliehen.
Abschließend
sei noch eine Forscherpersönlichkeit erwähnt, die zeitlebens
die verdiente Anerkennung für ihre Arbeiten zur Entwicklung
der künstlichen Niere als therapeutische Maßnahme nicht
gefunden hat: Georg HAAS (1887 - 1971). Er war 30 Jahre
(1924 - 1954) Direktor der Medizinischen Poliklinik und
starb unbemerkt und von der Fachwelt vergessen in Gießen
am 6. 12. 1971 im Alter von 85 Jahren. Seit 1914/15 hatte
Haas in Gießen Untersuchungen zur Anwendung der "Blutwäsche"
am Nierenkranken durchgeführt. Äußere Umstände wie Kriegsdienst
und Mangel an geeignetem Hirudin führten schließlich erst
1924 zur ersten Hämodialyse am Menschen in Gießen. Ihr
genaues Datum steht nicht fest, doch muß sie vor dem 16.
10. 1924 stattgefunden haben, sicher in den davorliegenden
Sommermonaten. Ein zweiter Dialyseversuch erfolgte dann
1925, dem sich weitere vier anschlossen. Der siebte Versuch,
der zugleich die erste mit Heparin durchgeführte Hämodialyse
war, fiel in das Jahr 1927 und weitere Hämodialysen, die
erste am 13. 1. 1928 und die letzte am 4. 5. 1928 beendeten
die Reihe der Arbeiten zur "Dialysis in vivo". Die entsprechenden
Ergebnisse hat er in seinem 1929 verfaßten großen Handbuchartikel
zur Hämodialyse niedergelegt. Georg Haas, der als Pionier
der Hämodialyse und Wegbereiter der modernen Nephrologie
bezeichnet werden darf, gehört damit in die Reihe der
hervorragenden Forscherpersönlichkeiten, die an der Medizinischen
Fakultät Gießen gewirkt haben. Sein Wirken als Arzt, Lehrer
und Wissenschaftler an dieser Fakultät dürfte einmal mehr
die schwierigen äußeren Bedingungen unterstreichen, mit
denen viele bis heute zu kämpfen haben.
Schaut
man daher zurück auf die Bewohner der Beletage des 19.
und 20. Jahrhunderts, von Bischoff über Buchheim, Riegel
bis hin zu Haas, so wird man zu dem Ergebnis kommen, daß
Gießen und insbesondere die Medizinische Fakultät wohl
immer eine Arbeitsuniversität war, die bei dürftigen äußeren
Verhältnissen nie zu spektakulärem Ansehen gelangte und,
abgesehen vom Zwischenspiel der Romantik, stets nüchternen
Sinn und maßvolles Tun an den Tag legte. So war die Medizinische
Fakultät seit ihrer Gründung vor 375 Jahren stets ein
bedeutendes Glied der Universität Gießen und sie ist es
trotz vieler Schwierigkeiten bis heute geblieben. Für
das verbleibende vierte Saeculum möge sich das Wort von
Georg Herzog bewahrheiten: "Sie wird es bleiben bei ihrer
festen Fundierung und ihrer allseitigen Anerkennung als
eine wichtige Stütze des Ganzen."